Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

15. September 2002

Eichhörnchen können fast alles, sogar fliegen

Die Affen unserer Wälder

von Sigrid Tinz

  Eichhörnchen sind wilde Tiere.

Wer sie zu Hause halten will, tut ihnen nichts Gutes.

Dennoch gibt es einen Markt für die Nager.

Ein Bericht über Nüsse und Symbole, den Menschen und die Natur.

Im Stadtpark. In der Astgabel einer großen Buche hockt ein rotes Fellknäuel. Plötzlich springt es weg und weiter von Zweig zu Zweig, auf die Eiche nebenan, den Stamm hinunter, durchs Gras. Es grapscht nach einer Pflaume, die jemand weggeworfen hat, schabt an der Schale, schlabbert am Saft. Das Fruchtfleisch spritzt nach allen Seiten. Den Kern zwischen den Zähnen, springt es an den nächsten Baum, die Krallen in der Rinde verhakt. Sprung, einhaken, Sprung, bis in die Krone.

Das Eichhörnchen ist der Affe unserer Wälder, wie es so schön heißt. Stundenlang könne man zuschauen.

Horst Hahn ist da keine Ausnahme. Er und seine Frau Susanne sitzen auf ihrer Terrasse im ostwestfälischen Löhne. Im Garten, zwischen Schuppen, Teich und Fleißigen Lieschen, stehen Volieren aus grünem Maschendraht: zwei mal zwei mal zwei Meter groß, darin Steine, Äste, Balken, ein Laufrad und eine große Schüssel voller Haselnüsse. HÖRNLI UND WILLI haben sich versteckt. Der Nachmittag ist nicht ihre Zeit. Morgens und abends werden sie munter.

Seit seiner Kindheit ist Hahn vernarrt in Eichhörnchen, und vor neun Jahren, "nach langem Ringen mit mir und mit meiner Frau", hat er sich eines angeschafft. Es wurden zwei, drei, vier, Bekannte brachten ihm Findelkinder, irgendwann kam der erste Nachwuchs. Fingergroße nackte Würmer zuerst, taub und die Augen nicht mehr als graue Knubbel, der Schwanz ein rosiger Strich. "So an die siebzig Tiere" hat er aufgezogen und später verkauft. Im Alter von fünfeinhalb Wochen, wenn die Kleinen Haare haben und sehen können, nimmt er sie der Mutter weg. Zwei Wochen bekommen sie noch die Flasche, bevor sie auf Zwieback und Sonnenblumenkerne umsteigen, "damit sie sich an Menschen gewöhnen". Nach jeder Mahlzeit muss man ihnen mit einem Lappen über den Bauch streichen wie die Eichhörnchenmama mit ihrer Zunge - "sonst machen sie ihr Geschäft nicht".

"Die erste Zeit ist die schönste", sagt Susanne Hahn und verteilt Pflaumenkuchen und frischen Kaffee. Die Katze bekommt eine Portion Sahne. "Sie sind klein und brav und wir haben sie im Haus. Sie schlafen auf dem Sofa, turnen an der Kaffeetasse und schauen beim Kochen zu. „Bis sie merken, was sie alles können." Dann ist nichts mehr vor ihnen sicher, die Bücher nicht, die Gardinen nicht und auch nicht die Kleidung. „Die flitzen einem direkt das Hosenbein hoch“, sagt Horst Hahn. Manchmal auch innen, dann sieht man noch tagelang die Spuren der Krallen.

Spätestens nach einem Vierteljahr heißt es deshalb umziehen nach draußen in die Voliere. Die lässt sich auch leichter sauber halten. Eichhörnchen machen zwar nicht ins Bett und nicht ins Nest. Sonst aber lassen sie Kot fallen, sobald etwas anfällt, im Wald oder auf der Sessellehne. Die Voliere wird zweimal in der Woche geschrubbt, und alle paar Monate geht Horst Hahn mit dem Hochdruckreiniger durch.

HÖRNI schlüpft aus ihrem Kasten, saust zur Futterschüssel, schnappt sich eine Nuss und hockt sich damit hinter einen Balken. Die meisten Eichhörnchen werden scheu - und wehrhaft -, wenn sie erwachsen sind „Bissig“, sagt Susanne Hahn in das Quietschen und Knarren von HÖRNLI's Zähnen. Mit einem Knacken gibt die Schale nach. HÖRNLI lugt um die Ecke, der weiße Fleck auf der Nase zittert. "Richtig zahm und anhänglich waren in der ganzen Zeit eigentlich nur zwei. Beides waren Sorgenkinder, die besonders viel Pflege brauchten. Das eine, erst ein par Wochen alt, wollte nicht essen." Susanne Hahn hat es Tag und Nacht mit sich herumgetragen, auch bei der Arbeit, und ihm alle halbe Stunde ein paar Tropfen Milch und Tee eingeflößt.

Das andere Eichhörnchen wurde abgegeben, weil es kaum noch laufen konnte. „Die Füße waren richtig nach außen gebogen, die Krallen waren zu lang. Viel, zu lang. Der hat sich die nirgends abwetzen können.“ Mit einem Maniküreclip hat Susanne Hahn die Nägel gestutzt, ihm danach die verkrampften Finger und Zehen massiert. „Wochenlang.“

Nicht immer geht alles so gut aus für ein krankes Eichhörnchen. „Oft kann man nur zusehen, wie es stirbt. Die sind klein, das geht schnell.“ Und selbst wenn das Tier rechtzeitig beim Arzt ist, hören die Halter oft: „Hmm. Ich schau‘ mal, ob in meinen Büchern etwas steht.“

„Hmm, Eichhörnchen“, heißt es auch bei Naturschutzbehörden, Forschungsanstalten, Waldbiologen, ,‚ist ja nicht gerade eine problematische Art, ökologisch gesehen, nicht?“ In der Tat, Eichhörnchen leben gut in unserer Kulturlandschaft. Sie sind Allesfresser und damit flexibel: Neben Nüssen und Samen scharren sie sich auch Käfer aus dem Laub, sie zwicken Blätter und Knospen von den Bäumen, beernten Gemüsebeete und Obstbäume und schauen, was die Komposthaufen bieten. Im Wald - oder, besser im Forst - fühlen sie sich wieder richtig wohl, seit nur noch einzelne Bäume entnommen werden und nicht mehr Hektarweise kahl geschlagen wird. So gibt es immer und überall genügend alte Bäume, die Früchte tragen und auf denen sie ihr Nest aus Zweigen bauen können, den Kobel. Und: Eichhörnchen knipsen zwar junge Triebe ab, schälen Bäume und plündern Vogelnester. Aber nicht so viele, dass es für die Pflanzen und die anderen Tiere bedrohlich würde. Unproblematisch eben.“

Unproblematisch heißt aber für Wissenschaftler und Behörden oft auch uninteressant. „Geld für Eichhörnchenprojekte gibt es kaum."

Auch Alfred Brehm hat als Junge Eichhörnchen gehalten. Vielleicht wusste er deshalb, dass sie ohne Schwanz nicht halb so gut springen und klettern können. Sie brauchen ihn als Steuer und zum Balancieren.

Auch mit dem Klammerreflex kannte Brehm sich aus. Schüttelt man den Ast, auf dem das Hörnchen gerade sitzt, wird es sich festkrallen, um nicht herunterzufallen. Ans Weglaufen denkt es nicht. Klein Alfred brauchte nur zuzugreifen. Eichhörnchen kommen in vielen Farben vor, von typisch rot über schwarz, bräunlich und gescheckt - bis hin zu Albinos. Letztere gibt es in der freien Wildbahn aber eher selten. Sie fallen auf, sehen oft schlecht und sind damit leichte Beute für Eulen, Füchse oder Habichte. Die schaffen es ansonsten kaum, die flinken Hörnchen zu fangen. Wirklich gefährlich ist nur der Baummarder, „dieser mordlustige Gesell“, wie Alfred Brehm ihn nennt. Der Baummarder klettert ebenso gut wie das Eichhörnchen, verfolgt es den Stamm hinauf, bis in die Baumkrone. Einzige Rettung: springen. Die Beine ausgebreitet, den Schwanz gespreizt und von der Haut zwischen Ellbogen und Körper unterstützt, gleitet das Hörnchen schräg nach unten. Der Marder muss den Landweg nehmen, das Eichhornchen kann entwischen.

Mancherorts kommt der Feind aus der eigenen Familie, wie in Großbritannien. Vor 100 Jahren wurden dort einige amerikanische Grauhörnchen ausgewildert - heute sind es mehrere Millionen auf der ganzen Insel. Die Einheimischen, eine Unterart des Europäischen Eichhörnchens mit weißem Schwanz, leben nur noch in Südengland und in Schottland. Ein paar hunderttausend sind es noch.

Grauhörnchen sind kräftiger und nicht so wählerisch, was das Essen angeht, und dreister. Sie mopsen die Sandwiches direkt von der Picknickdecke, vergreifen sich an Singvögeln, fressen Abfall und auch mal eine Zigarettenkippe. Zur Paarungszeit stellen ihre Männch6en den Weibchen der einheimischen Art nach. Die werden zwar nicht schwanger - Bastarde sind noch nicht beobachtet worden -, aber sie reagieren kaum noch auf das Gewackel der heimischen Hörnchenmänner. Geschweige, dass sie sich mit einem in ihren Kobel zurückzögen. Mittlerweile werden die Grauhörnchen von den Briten gehasst und bekämpft - weniger werden es trotzdem nicht.

„In Deutschland sind noch keine Grauhörnchen gesichtet worden,“ sagt Ragnar Kinzelbach, „bis jetzt.“ Sollten sie hier auftauchen, plädiert er dafür, „sie schnell und gründlich zu eliminieren“, solange es noch wenige sind. „Grauhörnchen sind vitaler und würden sich hier genauso verbreiten wie in Großbritannien.“ In den nordamerikanischen Wäldern dagegen gebe es mehr Platz. Und viel mehr Greifvögel und Raubsäuger, die den Bestand regulieren könnten. Außerdem werden Hörnchen in Nordamerika, wie in Sibirien, gefangen und zu Pelzjacken verarbeitet. Besonders kostbar ist das Bauchfell; Feh genannt. Eichhörnchenfleisch wird auch gegessen. Es soll lecker sein, weiß und zart. Früher glaubte man, Schwangere müssten Hörnchenhirn essen. Dann würde das Kind schwindelfrei. Lange Zeit waren Eichhörnchen Symbol für Fruchtbarkeit. Diese Rolle hat mittlerweile wohl das sprichwörtliche Kaninchen übernommen. Heute warnen Eichhörnchen mit brennendem Schweif vor Waldbränden und leihen ihren Namen der einen oder anderen Sache: Bioläden zum Beispiel. Oder der Aktion Eichhörnchen: Denk dran, leg Vorrat an.

Jetzt, ab Mitte September, ist die Jahreszeit dafür. Mehr als sonst sind die Eichhörnchen unterwegs und fressen sich ein Ränzchen an. Was nicht mehr hineinpasst, wird unter einen Stein gestopft, vergraben, auf Äste gespießt. Im Winter dann liegen die Tiere eingemummelt in Fell und Moos im Kobel und dösen. Ab und zu schlüpfen sie nach draußen, einen Happen essen. Große Verstecke können sie sich wohl merken. Ansonsten schnüffeln sie einfach Ritzen und Löcher ab. Vielleicht steckt ja was drin. Was sie finden, wird nicht immer restlos verputzt, und das hat Folgen: Eichhörnchen nehmen einigen Einfluss auf ihr Ökosystem, sehr zum Ärger mancher Gartenbesitzer. Keine einzige Walnuss bleibt übrig im Herbst, aber im Mai sprießen zwischen Flieder, Veilchen und Gehwegplatten junge Bäume.

Im Wald hat das Treiben der Eichhörnchen seinen Sinn. Der Forst wird besser durchmischt und verjüngt, wenn Eicheln, Buchecker und Fichtenzapfen nicht nur rund um den Baum fallen, an dem sie hängen.

Auch HÖRNI und WILLI haben Vorräte verbuddelt, im vergangenen Herbst. Jetzt wachsen in einer Ecke der Voliere drei Maispflanzen. Horst Hahn steckt seinen Waldaffen Katzenfutter durch den Draht.

Wenn die beiden nicht mehr da sind, wird die Voliere leer bleiben. Oder es kommt Kaminholz hinein, wie schon in die anderen. „Eichhörnchen sollte man nicht einsperren, denke ich. Mittlerweile.“ Einmal, als ein Käufer wissen wollte, ob der alte Vogelkäfig ausreiche oder wie groß die Voliere sein müsse für so ein Hörnchen, da hat er sich gefragt: „Wie groß ist eigentlich der Wald?“

Über das Halten von Eichhörnchen

Und warum man es besser nicht tun sollte:

Eichhörnchen als Stubenhörnchen - diese Idee ist nicht neu. Über 100 Jahre alt ist der Text einer englischen Kinderenzyklopädie, den Harry Rowohlt übersetzt hat und der Axel Scheffler zum Hörnchenzeichnen inspiriert hat. Entstanden ist so das Buch „Über das Halten von Eichhörnchen. Ein Ratgeber“ aus der Edition Büchergilde, frisch erschienen in diesem Monat. Es kostet 16,90 Euro.

Alle Zeichnungen auf dieser Seite stammen aus diesem Buch. 

Den Untertitel „Ratgeber“ sollte man nicht wörtlich nehmen. Die Tipps sind zwar nicht direkt falsch, aber, sagen Eichhörnchenkenner, verharmlosen die Probleme. Es ist nicht nett, heißt es zum Beispiel im Buch, wenn man ein Tier aus der Freiheit der Wälder fängt - heutzutage und bei uns ist es nach Auskunft des Bundesamtes für Naturschutz sogar verboten. Wie alle wildlebenden einheimischen Arten steht das Eichhörnchen unter Schutz: Es darf nicht gejagt, gefangen, gehalten oder gehandelt werden. Eigentlich, denn für Findlinge und Zuchttiere können Ausnahmen beantragt werden. Die werden auch meistens genehmigt. Wie viele Eichhörnchen in Wohnungen, Käfigen und Volieren gehalten werden, lässt sich kaum feststellen, denn „Kleintierzüchter sind mit Ausnahme der Kaninchenzüchter kaum organisiert," sagt Jörg Turk vom Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe. Im Handel werden sie nicht angeboten. Interessierte müssen sich also durchfragen, Kleinanzeigen lesen, im Internet suchen. Zwischen 50 und 500 Euro kostet ein Tier. Die Nachfrage steigt, sagen Züchter. „Die Leute haben genug von exotischen Vögeln und so was.“

Bleibt die Frage, ob man überhaupt ein Eichhörnchen halten sollte. Der Tierschutzbund rät ab. Selbst in großen Volieren oder in Zoos entwickeln manche Tiere Verhaltensstörungen, rennen pausenlos das Gitter entlang. „Hörnchen sind beratungsintensiv“, sagt Jörg Turk. Schwierig zu halten also und keine Kuscheltiere für Kinder.

Mehr zum Anschauen. Und das geht in Wäldern, Parks und Gärten am besten. (st)

Weiterhin viel Spaß auf unseren Webseiten - 19.12.2005 - © rooster

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